"JOIN ARNOLD"
Los Angeles im Jahre 2003 A.D.

 

Ein Hollywood-Schauspieler erstand aus der Asche der politischen Nachwehen gewisser historischer Vorgänger auf. Sein Vernichtungskrieg gegen das menschliche Kulturgut wütete seit Langem. Aber die letzte Schlacht sollte nicht im Kino stattfinden. Sondern hier, in unserer Realität. Dienstag Nacht.

Wir schreiben den 7. Oktober 2003. Es sind Gouverneurwahlen im Staate Kalifornien und jeder kann mitmachen. Alles was man dazu braucht, sind 3000 US-Dollar und 65 Unterschriften von real existierenden Personen. Gerade mal 135 Amerikaner haben das geschafft - von dem netten Mädchen für unten drunter, über den senilkonfusen Kinderstar bis zum weltweit bekannten Mr. "Ehrenring von Graz": Dr. h.c. Dr. h.c. Arnold Schwarzenegger.

Alles begann als der stets politisch interessierte und engagierte Ex-Mr. Universum und Hollywood-Charakter-Darsteller sich im Jahre 1968 in sein Boot setzte und mit einem Seesack sowie 20 US-Dollar nach Amerika ruderte. In diesen knapp 35 Jahren ermöglichte sich die Mensch gewordene Muckibude seinen Traum von der ganz großen Politik indem er in zahlreichen Hollywood-Klassikern insgesamt mindestens 2980 US-Dollar verdiente. Woher er jedoch die 65 Unterschriften bekam, ist bis heute noch ein Rätsel. Dennoch gestand das österreichische Sprachentalent, dass er in der Vergangenheit einige Fehler gemacht hat. Im Einzelnen möchten wir hier nur "Conan der Barbar", "Versprochen ist versprochen" und "Kindergartencop" erwähnen.

Vor Wochenfrist war es dann so weit, der 1983 eingebürgerte, schöngeistige Wahlamerikaner, dessen Gesicht die meisten seiner Landsleute nur von den gleichnamigen Kraftfutterdosen kennen, startete einen in der Geschichte des kalifornischen Gouverneursamtes einmaligen Werbefeldzug: "T3" kam in die Kinos. Einmalig auch deshalb, da die Bevölkerung sogar bezahlte, um die Kampagne verfolgen zu können und darüber hinaus, da der knapp 2-stündige Spot um die gesamte Welt reiste. Am Ende war die Message klar: "I'll drive!" - oder besser - "I nehm's Steuer in d'Hoand!" Und so war es wenig verwunderlich, dass man mit den Rückseiten der Kino-Eintrittskarten per Kreuz an dem Gewinnspiel Gouverneurswahl teilnehmen konnte. Den Hauptpreis räumte hier Gray Davis ab, welcher künftig monatliche Sofortrente vom "Golden State" bezieht.

So wurde der qualitativ hochwertige Schauspieler zum ernstzunehmenden Politiker. Und nicht nur das, die amerikanische Presse berichtet bereits jetzt von einer neuen und besseren Stufe - dem so genannten "Gouvernator". John Connor vom L.A.Magazin, welcher sich zeitlebens mit diesem Phänomen auseinandersetzt, beschrieb ihn wie folgt.

"Der Gouvernator ist eine Infiltrationseinheit, halb Mensch, halb Leinwand. Darunter ist ein Kampfchassis aus einem Steroide-Cocktail. Kontrolliert von politischen Beratern, unselbstständig und völlig willenlos, aber außen ist es lebendes menschliches Gewebe: Fleisch, Haar, Haut, Blut - gezüchtet für den Wahlkampf. Die 80er Serie wurde in schwarz-weiß ausgestrahlt, wir haben sie sehr leicht erkannt, aber die hier sind neu. Sie sehen aus wie echte Politiker, sie gehen auf Wahlkampftour und machen große Versprechen, an alles wurde gedacht. Sehr schwer zu entlarven. Wir mussten warten bis die Wahl vorbei war, bevor wir ihn enttarnen konnten."

Doch jetzt wo die wahre Identität der menschlichen Herkulesmarionette aufgedeckt wurde und sich der Sonnenstaat mitten im ersten Teil der American-Dream-Trilogie befindet, fragt man sich vielleicht, wie die fettverbrennende Paraderolle seine drei Wahlversprechen realisieren will?!

  • Das 38 Milliarden Haushaltsdefizit terminieren.
     
  • Investoren/Wirtschaft wieder ins Land holen.
     
  • Somit Arbeitsplätze schaffen.
     

Ersteres könnte man sich ja noch vorstellen, wenn "Pumping Iron" nicht bereits in "T1" mit einer weit einfacheren Terminierung überfordert gewesen wäre. Doch letztlich handelt es sich bei den kalifornischen Wählern ja schließlich auch nur um Amerikaner, und die hinterfragen nie die Aussagen ihrer politischen Führungskräfte. Vielmehr regiert im Land der unbegrenzten Möglichkeiten blindes Vertrauen. Und mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit war die den Männerkörper zum Filmgenre machende Selbstkarikatur wohl das kleinste Übel auf der 135 "Politiker" umfassenden Kandidatenliste.

Aber vielleicht dachte man sich nur, dass der Schöpfer vielzitierter Filmsprüche nach seinen unzähligen Bodybuilding-Auszeichnungen, dem "Golden Globe" von 1977, dem "Leadership Award" von 1997, dem "Taurus Ehrenpreis"..., zwei verliehenen Ehrendoktortiteln sowie seinem Stern auf dem "Walk of Fame" auch einen Gouverneurstitel gebrauchen könnte?

So oder so, Kalifornien hat gewählt. Einer der bedeutendsten Staaten der größten Weltmacht hat weise und entschlossen an der Wahlurne entschieden. Im Jahr 2006 sind wieder Landtagswahlen in Sachsen-Anhalt. Wir sind schon jetzt auf unsere Kandidatenliste gespannt!

David Weiblein

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